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Adipositas / Übergewicht bei Minderbegabung
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Adipositas / Übergewicht bei Minderbegabung

Gesundheitserziehung für adipöse Patienten und Patienten
mit Stoffwechselerkrankungen
Obwohl die meisten im sonderpädagogischen Bereich Tätigen um das Problem Übergewicht bei Menschen mit geistiger Behinderung wissen, stellt es die Fachwelt offensichtlich vor eine enorme Herausforderung.

Das Gesundheitserziehungsprogramm der Ruhrtalklinik bietet übergewichtigen und adipösen Menschen mit geistiger Behinderung die Möglichkeit einer ärztlich kontrollierten (stationären) Gewichtsreduktion mit Adaption ins heimische Umfeld.

Grundsätzlich ist die Adipositas von Krankheitswert eine Rehabilitationsindikation.
Um im Antragsverfahren (bei Ablehnung) nicht auf ein Widerspruchsverfahren verwiesen zu werden, raten wir deshalb, alle behandlungsrelevanten Nebendiagnosen mit anzugeben. Sofern es aufgrund des Übergewichts schon zu erheblichen Funktionseinschränkungen (Hüfte, Knie, etc.) gekommen ist, sollte auch hier der entsprechende Haus- und/oder Facharzt auf diese Punkte unmittelbar eingehen. Auch die internistische Diagnostik sollte, sofern auffällig, aufgelistet werden.

Zum Problem „Einsicht in die Krankheit“ – häufig wird von den Leistungserbringern bezweifelt, dass ein geistig behinderter Mitmensch mit Erfolg ein entsprechendes Gesundheitserziehungsprogramm absolvieren kann – verweisen wir auf die hier dokumentierten Erfolge. Über 20 Jahre hinweg können wir nachweisen, dass trotz bestehender intellektueller Leistungsminderung sehr wohl ein Gesundheitserziehungsprogramm, didaktisch reduziert und im stationären Rahmen, erfolgreich durchgeführt werden kann.

Gern zitieren wir einen niedergelassenen ärztlichen Kollegen:

„Gingen zunächst alle Beteiligten davon aus, dass das Problem sehr wohl ambulant angegangen werden könnte, zeigte sich jedoch alsbald, dass aufgrund der Grunderkrankung kein Erfolg eintrat. Die psychischen Besonderheiten der Grunderkrankung bedingen, dass sich der Patient/die Patientin auf das Angebot nicht einlassen konnte, da die Umstände situativ überfordernd waren. Ortsansässige Therapeuten scheitern, weil sie nicht zur notwendigen Kommunikation zwischen Therapeut und Patient finden. Erforderlich ist hier die engmaschige Betreuung, die dauerhafte Kontrolle und eine hoch flexible Zeitplanung der Therapien, was nur im beschützenden Rahmen einer stationären Durchführung möglich ist.“

In der Ruhrtalklinik wird seit vielen Jahren ein Gesundheitserziehungsprogramm für übergewichtige Patienten durchgeführt, welches in modifizierter Form auch auf Stoffwechselstörungen übertragbar ist.

Im Wesentlichen umfasst die Gesundheitserziehung die Bestandteile:

1. Verhaltenstherapeutisches Esstraining
2. Kochgruppe
3. Eine den intellektuellen Fähigkeiten des in der Ruhrtalklinik behandelten Klientels angepasste Ernährungslehre / Therapieziel: Einmalprinzip.
4. Bewegungserziehung

Im Rahmen der ärztlichen Aufnahmeuntersuchung werden die psychischen und physischen Voraussetzungen abgeklärt und sodann entschieden, ob der Patient am Gesundheitserziehungsprogramm teilnimmt.

Der Tagesablauf für übergewichtige bzw. adipöse Patienten sieht folgendermaßen aus:

8:00 – 8:45 UhrFrühstück
10:00 – 10:30 UhrZwischenmahlzeit
12:00 – 12:45 UhrMittagessen
15:00 – 15:30 UhrKaffeetrinken mit Zwischenmahlzeit
ab 15:30 UhrBewegung / Spaziergang nach Bedarf
18:00 – 18:45 UhrAbendessen

Die Unterrichtseinheiten der Ernährungslehre finden grundsätzlich zu folgenden festen Zeiten statt:

9:30 – 10:00 Uhr
10:30 – 11:00 Uhr
14:00 – 14:45 Uhr und
16:00 – 16:45 Uhr

Lesen Sie dazu auch "Aus der Praxis für die Praxis".

In Abstimmung mit der übrigen Therapie besuchen die Patienten die Ernährungslehregruppe maximal einmal pro Tag. Die Gruppen sind infolgedessen immer unterschiedlich zusammengesetzt, so dass die Themen in Abhängigkeit von den Voraussetzungen und Bedürfnissen der Teilnehmenden flexibel gestaltet werden.

Übergreifendes Ziel der Gesundheitserziehung ist eine nachhaltige Veränderung der nach der Verhaltensbeobachtung festgestellten pathologischen Essverhaltensweisen und –Essgewohnheiten. Eine ganzheitlich orientierte Vorgehensweise, welche die Integration aller Elemente des Programms in die Behandlung vorsieht, sichert den Erfolg des Gesundheitserziehungskonzeptes.
Die Grundannahme ist die, dass die meisten Patienten in Wohnheimen bzw. betreuten Wohngruppen leben und/oder in Werkstätten für Behinderte tätig sind. Sie sind somit an einer Gemeinschaftsverpflegung Beteiligte und haben keinen persönlichen Einfluss auf die Gestaltung der Hauptmahlzeiten. Daraus folgernd besteht das Hauptlernziel des verhaltenstherapeutischen Esstrainings und der Unterrichtseinheiten der theoretischen Ernährungslehre darin, das so genannte „1 x Prinzip“ zu adaptieren. Anhand des Lebensmittelkreises der DGE und unter Zuhilfenahme bekannter Symbole aus dem täglichen Leben erlernen die Patienten spielerisch in Gruppenarbeiten und unter Anleitung kalorienarme von kalorienreicher Kost zu differenzieren.
Wir nutzen dabei die Farbsymbolik der Ampel (rot – grün), die uns signalisiert, wie viel von den während der Hauptmahlzeiten entsprechend gekennzeichneten Nahrungsmittel gegessen werden darf.
Dabei repräsentiert das grüne Symbol, dass von dieser Nahrung unbegrenzt gegessen werden darf, während rot signalisiert: Achtung, kalorienreiche Nahrung, wenig essen, d.h. von diesem Nahrungsmittel nur einmal nehmen. Dies ist natürlich auch für „nicht Wohnheimbewohner“ / jüngere Patienten / SchülerInnen ins häusliche Umfeld adaptierbar. Da der Patient in seinem Alltag erstens auf die Menge der während der Hauptmahlzeiten aufgenommenen Nahrung und zweitens auf die Gestaltung der so genannten Zwischenmahlzeiten (Essen während der Pausen, beim Fernsehen, beim Lesen bei sonstigen Freizeitbeschäftigungen) direkten Einfluss hat, ist das verhaltenstherapeutische Esstraining ausschließlich auf diese Bereiche ausgerichtet. Zu den jeweiligen Hauptmahlzeiten werden die Symbole des roten und grünen Männchens neben den entsprechenden Speisen aufgestellt. Darüber hinaus wird jederzeit auf die enorme Bedeutung
des Vieltrinkens hingewiesen wie auch die Patienten stets daran erinnert und motiviert werden. Die Ruhrtalklinik verfügt über zwei eigene Quellen, aus denen zu jeder Hauptmahlzeit stilles Wasser angeboten wird und die jederzeit für jeden zugänglich sind. Ergänzend zu den Hauptmahlzeiten werden zwei Zwischenmahlzeiten (z.B. Jogurt, Buttermilch, Obst oder Gemüse) gereicht, von denen die Patienten so viel essen wie sie mögen.
Obwohl sich die gereichten Speisen nicht wesentlich unterscheiden, wurden aus taktischen Überlegungen zwei Speiseräume installiert. Der eine für unsere Normalköstler, die beliebig viel essen dürfen und der andere für unsere adipösen Patienten. Hier nutzen wir auch die Möglichkeit, über Farben / Licht und räumliche Gestaltung auf den Patienten positiv einzuwirken (Feng Shui)! Die Anfangsphase mit dem konfliktbehafteten Verzicht wird so unterstützt. Unter der besonderen Berücksichtigung des individuellen Vorwissens und entsprechend der Fähigkeiten und Fertigkeiten der Patienten wird in der Kochgruppe die Herstellung eigener kleiner kalorienarmer, gesunder Mahlzeiten vermittelt, die mit geringem Aufwand selbst zubereitet werden können, so dass jedem ermöglicht wird, sein Ernährungsverhalten, zumindest in diesem Bereich, aktiv zu verändern.
Zentraler Bestandteil im Rahmen unseres Adipositasprogramms ist das Wiegen, welches zum Ziel hat, den Verlauf der Gewichtsentwicklung in einem entsprechenden Verlaufsbogen zu dokumentieren. Nach dem ersten Wiegen im Rahmen der ärztlichen Aufnahmeuntersuchung wird es zweimal wöchentlich durchgeführt. Natürlich gehen wir von einer sinkenden Entwicklung aus, die dem Patienten unmittelbar seinen Erfolg vor Augen führt und ihn so weiterhin motiviert. Zeichnet sich eine gleich bleibende oder steigende Gewichtsentwicklung ab, kann unmittelbar mit dem Patienten über die möglichen und/oder tatsächlichen Ursachen dafür gesprochen werden.
Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den anderen Therapeutenteams ist der übergewichtige oder adipöse Patient umfassend in ein multidimensionales Behandlungsprogramm eingebunden. Insbesondere im Rahmen der Bewegungserziehung und Ergotherapie wird wirksam auf weitere, das Übergewicht begünstigende Faktoren eingegangen, indem das Körperbewusstsein und die Motivation zur körperlichen Betätigung gefördert wird. Neben der verordneten Gymnastik bietet die Physiotherapie unter anderem die Möglichkeit von Einzel- und Gruppenbehandlungen im warmen Bewegungsbad, während die Gesundheitserziehung auch Spaziergänge verschiedener Wegstrecken, mit steigender Belastung, in dem Umfeld der Ruhrtalklinik anbietet.
Unmittelbar vor der Entlassung im Rahmen der Abschlussbesprechung wird dem Patienten als Ergebnis seines Gesundheitserziehungsprogramms eine Urkunde als Anerkennung für sein Engagement, seine Entbehrungen und seinen Erfolg hinsichtlich der Gewichtsreduktion ausgehändigt. Ebenso wird die aktive Teilnahme an den Wanderungen der Gesundheitsabteilung mit einer Urkunde belohnt. Diese Urkunden haben bleibenden Erinnerungs- und auch Mahnungswert.
Weiter erhält der Patient ein eigens konzipiertes Quartettspiel für zu Hause. Den Umgang damit hat er während der Rehabilitation in Spielgruppen erarbeitet. Damit wird das erlernte Einmalprinzip spielerisch nachhaltig gefestigt.
Diese Abschlussveranstaltung dient natürlich auch dazu, die neuen Gruppenmitglieder zu motivieren, den abreisenden Patienten nachzueifern. Die im Rahmen der Gesundheitserziehung erarbeiteten Verhaltensmuster und Kenntnisse hinsichtlich bestimmter Ernährungsprinzipien werden in Form einer Arbeitsmappe sowie einem entsprechenden Merkblatt sowohl dem Patienten als auch seinem Sozialisationsagenten zur Verfügung gestellt, um nach Beendigung der stationären Heilbehandlungsmaßnahme darauf zurückgreifen zu können – das erworbene Wissen weiterhin auch anwenden zu können.
Die vielen Zuschriften, die uns nach Abschluss der Reha-Aufenthalte zugehen, dokumentieren, dass eine hohe Adaption der hier erlernten Verhaltensweisen in das heimische Umfeld erfolgt.

Das PROGRAMM der Gesundheitserziehung im Detail (als PDF) [5 KB]
Weitere Informationen finden Sie hier.


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